St. Georgenberg und das Blutwunder

Die ‚Weg-Variante‘ am Tiroler Jakobsweg von Stans durch die Wolfsklamm nach St. Georgenberg hat es zwar in sich. Aber es gibt an der Via Tirolensis kaum etwas Vergleichbares. Durch die Klamm zur Klause – ein kleines Abenteuer. Und: auf St. Georgenberg gibt’s Pilgerzimmer!

Die zweite Entscheidung auf der 5. Etappe von St. Gertraudi nach Gnadenwald des Tiroler Jakobsweges fällt in Stans: durch die Klamm nach St. Georgenberg? Ja oder Nein? Ich empfehle dringend: Ja. Mit einer wichtigen Anmerkung: die Wolfsklamm wird ihrem Namen auch tatsächlich gerecht. Wer müde oder nicht trittsicher ist, sollte von Stans aus auf dem wunderbar sanft dahin führenden ’normalen‘ Jakobsweg nach Fiecht weiter pilgern.

Die wild-romantische Wolfsklamm auf dem Weg von Stans nach St. Georgenberg

Die wild-romantische Wolfsklamm auf dem Weg von Stans nach St. Georgenberg

Ob diese Steinmännchen aus Dankbarkeit, den Aufstieg in der Wolfsklamm heil überstanden zu haben erbaut worden sind ist nicht bekannt.

Ob diese Steinmännchen aus Dankbarkeit, den Aufstieg in der Wolfsklamm heil überstanden zu haben, erbaut worden sind ist nicht bekannt. Jedenfalls bilden sie einen richtigen ‚Steinmännchen-Wald‘.

St. Georgenberg verkörpert für mich jene Wallfahrtskirche, die auch das Ziel der Frommen Helene Wilhelm Buschs war: „Hoch von gnadenreicher Stelle winken Schenke und Kapelle…“ Der Weg ist also nicht mehr das alleinige Ziel. Mehr noch: er führt durch ein spekakuläres Amphitheater der Natur namens Wolfsklamm um dann den Blick auf einen der berühmten Tiroler Wallfahrtsorte frei zu geben. Prädikat: Atemberaubend. Was im Mittelalter noch wichtiger war: St. Georgenberg war Schauplatz eines Wunders.

Dass dieser Ort dem Drachntöter St. Georg gewidment worden ist verwundert nicht wirklich.

Dass dieser Ort dem Drachntöter St. Georg gewidment worden ist verwundert nicht wirklich.

Diese mittelalterliche Brücke verbindet den Klosterhügel mit dem Umland. Eine gewaltige Bauleistung der damaligen Ingenieure.

Diese mittelalterliche Brücke verbindet den Klosterhügel mit dem Umland. Eine gewaltige Bauleistung der mittelalterlichen Baumeister und Ingenieure. Wer sich dafür interessiert, hier gibt es weitere Informationen über diese Brücke.

Die Klosterkirche von St. Georgenberg. Davor: der Platz der Pilger_innen.

Die Klosterkirche von St. Georgenberg. Davor: der Platz der Pilger_innen.

Man sollte schon mindestens 1 1/2 Stunden von Stans aus einplanen, um sich eines Kaffees auf der Terrasse der Klosterschenke erfreuen zu können. Es geht durch die Wolfsklamm über schmale aber immer mit Seilen oder Geländern gesicherte Stiegen entlang des tosenden Stanserbaches. Frisch renovierte Wege in einem ausgezeichneten Zustand machen den Aufstieg zum Vergnügen.

Der auf 898 m Seehöhe gelegene einstige Komplex des Benediktiner-Stiftes Fiecht geht auf einen seltsamen Gründungsmythos zurück. Das Stift könnte die Gründung eines mittelalterlichen Wehrdienstverweigerers gewesen sein. Um die Mitte des 10. Jahrhunderts soll sich ein Mann namens Rathold von Aibling in die Gegend des heutigen Georgenbergs zurückgezogen haben. Er wollte angeblich den Kriegszug der Bayern gegen die Mongolen in Ungarn nicht mitmachen. Worauf er desertierte und – das könnte ja durchaus stimmen – in die Einsamkeit flüchtete um dort Einsiedler zu werden. Alles andere hätte ihn Kopf und Kragen gekostet. Also nur weit weg von allen Burgen, Häusern und Straßen. Was er dann aber tat: er pilgerte angeblich nach Santiago de Compostela. Von dort brachte er nicht nur ein Marienbildnis mit, das er unter einer Linde beim Kirchlein vis a vis des Klosters anbrachte.

Eine Gesamtansicht von St. Georgenberg. Bild: wikipedia

Eine Gesamtansicht von St. Georgenberg. Bild: wikipedia

Das Lindenkirchlein in St. Georgenberg. Hier soll der Gründer der Eremitage ein Marienbildnis angebracht haben, das er von seiner Pilgerreise nach Santiago mitgebracht hatte.

Das Lindenkirchlein in St. Georgenberg. Hier soll der Gründer der Eremitage ein Marienbildnis angebracht haben, das er von seiner Pilgerreise nach Santiago mitgebracht hatte.

Es ist anzunehmen, dass Rathold von seiner Pilgerfahrt auf dem spanischen Jakobsweg die eine oder andere Marketing-Idee mitbrachte. Und da auch Einsiedler von irgend etwas leben müssen ist es naheliegend, dass er bald darauf begann, spanische Ideen in Georgenberg umzusetzen. Jedenfalls begannen im 11. Jahrhundert die finanziell äußerst lukrativen Buß- und Pilgerfahrten nach St. Georgenberg.

Denn einem verheerenden Brand 1284 und dem damit verbundenen Totalausfall der Einnahmen folgte – was für ein Zufall aber auch – 1310 dann prompt ein „Blutwunder„. Es ist vermutlich die Kopie einer genialen Vermarktungsstrategie, die damals am Camino Francès in Spanien fröhliche Urständ gefeiert hatte. Und prompt: die Pilger- und Wallfahrerströme – und somit die Geldströme – strebten einem neuen Höhepunkt zu.

Mächtig erhebt sich die Abtei auf 898 m Seehöhe.

Mächtig erhebt sich die Abtei auf 898 m Seehöhe.

Das hiesige Blutwunder geht – wie üblich – angeblich auf einen zweifelnden Priester zurück. Er wollte nicht glauben, dass Wein in das Blut Jesu verwandelt würde. Dann geschah es: der gewandelte Wein nahm Farbe, Geruch und Geschmack von Blut an. Ein Rest davon ist heute noch in einem Glasröhrchen zu sehen, das den Gläubigen in einer speziellen Monstranz gezeigt wird.

Was wäre aber ein so weitab vom Schuss gelegener Wallfahrtsort wert, würden hier nicht auch Knöchelchen und Gebeine, also die Reliquien berühmter Heiliger verwahrt und gezeigt? Richtig: Nix. Im Fall von St. Geogenberg ist es – logischerweise ein dem Hl. Georg zugeschriebener – Oberarmknochen, der damals wie heute für einen regelmäßigen Wallfahrer- und Finanzstrom sorgt.

Die Schenke ist quasi formatfüllend.

Die Schenke ist quasi formatfüllend.

Überrepräsentiert ist denn auch, man ist versucht zu sagen „wie eh und je“ die klösterliche Schenke. Folgt man dem Weg zum höchsten Punkt auf Georgenberg, steht der perplexe Pilgersmann / die staunende Pilgersfrau unversehens vor der Eingangstüre eines profanen Restaurants. Da ist wenig zu sehen von Kontemplation, klösterlicher oder wallfahrerischer Beschaulichkeit. Und wer die atemberaubende Aussicht sehen will muss konsumieren. Die Terrasse mit Blick auf Wald und Flur dient der Aussicht, der Ausspeisung und dem Geschäft gleichermaßen. Wie dem auch sei, für Pilger_innen ist ein Plätzchen im Eingangsbereich des Klosters reserviert. Wenn’s regnet hat man dann halt Pech gehabt…

Von der Terrasse aus hat man einen phantastischen Blick auf das Inntal bei Stans.

Von der Terrasse aus hat man einen phantastischen Blick auf das Inntal bei Stans.

Dazu muss gesagt werden, dass sich der Hauptsitz der Benediktiner seit 1709 im Tal, in Fiecht befindet. Brände, Lawinenabgänge und andere Unwägbarkeiten machten den Mönchen das Leben in St. Georgenberg zur Hölle. Die Neugründung in Fiecht ist weihin sichtbar und natürlich sehr viel leichter zu erreichen als St. Georgenberg.

Stift Fiecht am Tiroler Jakobsweg

Stift Fiecht am Tiroler Jakobsweg

Und nach Fiecht führt auch der Abstieg. Durch schöne Wälder mit einem herrlichen Ausblick auf die Silber- und Fuggerstadt Schwaz bis zum Kloster, an dem die Pilger_innen wieder auf den ’normalen‘ Tiroler Jakobsweg gelangen und ,in Richtung Gnadenwald weiter pilgern.

Wer auf St. Georgenberg übernachten will sollte sich früh genug anmelden. Eine Übernachtung ist sicher ein Erlebnis, das es auf dem Tiroler Jakobsweg kein zweites Mal gibt. Hier die Web-Site, über die ein Zimmer reserviert werden kann: http://www.wallfahrtsgasthaus-st-georgenberg.at/zimmer-3106

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Ein Gedanke zu “St. Georgenberg und das Blutwunder

  1. Steinmännchen“ Wald“ ist wohl dem SPANISCHEN Jakobsweg nachempfunden. Der Grund dass sie DA stehen WO sie stehen, ist einzig der, dass es da eine Menge Steine gibt …

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